Weihnachtszeit ist Jingle-Bells-Zeit. Mehr als der Hälfte der Bevölkerung Europas ist der Sinn von Weihnachten fremd geworden. Unverändert sind die Klischees geblieben, die die Menschen mit den letzten Tagen des Jahres verbinden: Weihnachten als eine schöne und besinnliche Zeit im Kreise der Familie zu genießen; Geschenke unterm Weihnachtsbaum auszutauschen; Verwandte und Bekannte zu treffen; eine gute Gelegenheit, mit einer Allinclusive-Kur den Adventstress abzubauen; wieder ein paar Tage zu urlauben, im Schnee, unter Palmen oder sonst wo.
Noch ist das Glockengeläute unserer Kirchen und Dome zum Geburtsfest unseres Herrn Jesus Christus nicht verstummt, wenn auch mit Bedauern festzustellen ist, dass Glockenklänge zur Erinnerung und Ermunterung der Gläubigen an den feierlichen Gottesdiensten teilzunehmen, auf immer weniger Interesse stoßen. Kirchenglocken wirken heute auf uns antiquiert und nur bei besonderen Anlässen, wie Hochzeiten und offiziellen Veranstaltungen – vorwiegend im ländlichen Raum – finden wir ihre melancholischen Melodien als hübsche Klangkulisse und festlichen Aufputz. Uns aber in Stimmung und Einkaufslaune zu bringen, das vermögen sie wohl nicht. In unserer Gesellschaft wird der „Erfolg“ von Weihnachten nicht etwa auf Grundlage einer hohen Kirchgängerquote bestimmt, sondern durch die Gewinnspannen des Handels nach dem Motto: Geschäft gut – Weihnachten gut. Dieses Ziel zu erreichen, veranlasst die Wirtschaft Jahr für Jahr, ihr komplettes Potenzial in die Schlacht zu werfen, damit sich die Geschäftsleitungen nach den Anstrengungen der zurückliegenden Wochen am so genannten „Heiligen Abend“, an einer positiven oder gar rekordverdächtigen Bilanz erfreuen können. Weihnachten ist die Zeit der Bewährung für Werbestrategen und Dekorateure. In ihren Händen liegt das Einkaufswohlbefinden der Kunden. Mit Lichterketten, Sternen, bunten Kugeln und anderem glitzernden Zeug müssen die Damen und Herren dieser Branche für wenige Wochen ein Wintermärchen herbeizaubern, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen entzücken und stimulieren soll. Landauf, landab postieren sich hunderte Weihnachtsmänner, in grelles Rot gekleidet, mit Zipfelmütze und Rauschebart vor den Portalen der Geschäfte, wo sie mit dümmlichen Ho-ho-Rufen für Aufmerksamkeit zu sorgen haben. Unüberhörbar bimmeln Schlittenglocken aus den Lautsprechern den Rhythmus von „Jingle Bells“, dem bekanntesten Song aus dem Fundus vermeintlich weihnachtlicher Folklore. (Gar nicht die Freuden des Winters preisend, kursierte in den Nachkriegsjahren eine deutsche Textversion dieses Schlagers mit dem sinnigen Refrain: „Halt dich fest, halt dich fest, halt dich fest Marie; wenn die Welt auch untergeht, so schön war es noch nie!“ Anm.)
Adventzeit. Gedränge und Geschiebe der Kauf- und Schaulustigen allerorts. Inmitten einer Einkaufsprozession sind, wie eine Geschichte zu erzählen weiß, auch zwei Damen unterwegs, die, ihrer Einkäufe noch unschlüssig, in den Schaufenstern Anregungen zu finden hoffen. „Schau mal einer an“, sagt da plötzlich die eine zu ihrer Begleiterin, als die beiden vor einer Auslage stehen bleiben, in der nach altem Brauch eine kleine Krippe aufgestellt ist mit einer holzgeschnitzten und bemalten Heiligen Familie samt Ochs und Esel. „Jetzt mischt sich die Kirche auch schon in Weihnachten ein!“ Nach verständnislosem Kopfschütteln über die Absicht der Kirche, von Weihnachten ebenfalls profitieren zu wollen – wie die Dame vielleicht
vermutete –, verschwinden beide wieder in der Menschenmenge.
Zugegeben: Das in Windeln gewickelte Jesuskind, von seiner Mutter und Josef behütet, wirkt unter den von Rentieren gezogenen, mit Paketen voll beladenen Schlitten, etwas deplatziert. Eine Umfrage unter Jugendlichen in der Altersstufe zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren was ihnen das Weihnachtsfest bedeute und dieses mit wenigen Worten zu charakterisieren, brachte nach der Häufigkeit der Antworten folgendes Ergebnis: Ein sentimentales Fest, eine Zeit der Besinnung, ein Fest für die Familie, eine karitative Großveranstaltung und last, not least das Geburtsfest von Jesus. Dass in einer säkularen Welt Weihnachten auch außerhalb von Geschäftszeiten und Umsätzen erfolgreich sein kann, wenn mit medial inszenierten Spendenaufrufen im Dienst der Nächstenliebe Rekordeinnahmen erzielt werden, beweisen Radio und Fernsehen jedes Jahr recht eindrucksvoll. Viele Institutionen stehen in diesen Tagen im karitativen Wettstreit, ersuchen einander zu übertreffen. Hauptsache ist: Viele gute Ideen dienen einer guten Sache.
Schlittenglocken stehen im Dienst der Wirtschaft, laden ein zum Konsum – Kirchenglocken zum Gottesdienst, im Gedenken an die Geburt von Jesus in Bethlehem. Für Christen ist das Weihnachtsfest der emotionale Höhepunkt im Kirchenjahr. Der Besuch der Mitternachtsmesse (Mette) in der Nacht zum 25. Dezember ist ein Ereignis, das Millionen Gläubige Jahr für Jahr in seinen Bann zieht. Kein Mettenbesucher wird sich dem Zauber eines nur von Weihnachtsbäumen erhellten Kirchenraumes entziehen können, wenn die Gemeinschaft der Gläubigen mit dem Lied „Stille Nacht“ die frohe Botschaft der Menschwerdung Gottes verkündet. Zur Erinnerung, dass in Jesus Christus das Licht der Welt erschienen ist, leuchten in den Wohnungen die Kerzen der Christbäume. Die unter den flackernden Lichtern ausgetauschten Geschenke sollen uns an die Gnadengaben gemahnen, die uns Gott in der Geburt seines Sohnes geschenkt hat. Das Evangelium über die Geburt Jesu nach Lukas überstrahlt die weihnachtlichen Gottesdienste der ganzen Christenheit.
In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus Jesus von Nazareth – einer von uns? dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade. (Lk. 2,1-14)
Dieser Text wurde zu einer unerschöpflichen Inspirationsquelle für die bildende Kunst aller Kulturepochen. Im Gegensatz zu den Darstellungen des Kreuzigungsdramas, welche die Brutalität der Menschen, mit der Jesus geschunden und getötet wurde, schonungslos offen legen, entwerfen die Künstler für die Geburt Jesu eine Idylle, in der die Institution „Familie“ ihre Verklärung als schönster Hort der Geborgenheit menschlichen Lebens findet. Die Armut im Stall von Bethlehem weicht zurück vor der durch Körperhaltung zum Ausdruck gebrachten Liebe von Maria und Josef zu ihrem auf Stroh gebetteten Kind, das sich offensichtlich seiner Beschütztheit bewusst ist. Selbst die Hirten, die herbeigeeilt sind, diesem seltsamen Kind ihre Aufwartung zu machen, scheinen in diesem Augenblick die Bitterkeit ihres Lebens vergessen zu haben.
Kein Wunder, dass gerade die Volksmusik, insbesondere die alpenländische, der menschlichen und damit gefühlsbetonten Seite des Weihnachtsgeschehens in ihren Liedern Ausdruck verliehen hat. Das schönste und auch weltweit berühmteste Lied dieses Genres ist „Stille Nacht“, uraufgeführt im Jahre 1818, komponiert von Franz X. Gruber nach Worten des katholischen Priesters Joseph Mohr. Der Text, den Mohr der Melodie seines Freundes unterlegt hat, ist eine meditative Betrachtung des Lukas Evangeliums. Für die Notation seiner Komposition wählte Gruber die Gitarre, die zur Begleitung von Volksliedern bestens geeignet ist. Im Liederschatz seiner Heimat könnte Gruber auf das Volkslied „In an kloan Haus“ gestoßen sein, dessen erste Takte genau jenen gleichen, die er für sein Weihnachtslied verwendete. Oder sollte es nur Zufall gewesen sein? (Dem Autor war es jedoch nicht möglich, den direkten Zusammenhang der beiden Lieder nachzuweisen, da ihm, außer dem Beginn der ersten Verszeile jener Volksweise und den für „Stille Nacht“ so charakteristischen Anfangstakten, die Weiterführung des Textes und der Melodie nicht bekannt ist. Anm.)